Bloss nie in einer CD-Besprechung schreiben: „Man könnte ewig weiterhören“! Die Ewigkeitsmusik, sie gehört in den Fahrstuhl, aber nicht in unsere geliebten vier eigenen Wände. Dort soll etwas gesagt werden mit einem A und O, mit einem Anfang und einem Ende. Doch unsere Maxime wankt für einmal: Wer nämlich die neuste CD aus dem Kloster Muri auflegt, wird immer weiter einsinken in eine unheimlich sinnliche Musik diverser Frühbarock-Komponisten, wird immer gebannter den verschrobenen Zink-Klängen lauschen
Bisweilen glaubt man, anstelle der Naturtöne dieses Instruments menschliche Stimmen zu hören. Eine gar nicht so absurde Sinnverwirrung. Beim Eintauchen in den Klang der Zinken, Violinen, von Posaune und Fagott, begleitet von den beiden Chororgeln, locken noch ganz andere Verwirrungen: Da werden aus den tristen Wohnzimmerwänden prächtige Marmorsäulen, aus dem Helvetas-Kalender wird ein jubelndes Altarbild.
Inmitten solcher Säulen und Bilder saßen die Freunde der Klosterkirche Muri am 29. August, als von vier Emporen die Cappella Murensis und das Ensemble Les Comets Noirs aufspielten. 8 Sänger und 16 Instrumentalisten musizierten in immer neuen Zusammensetzungen. Man folgte musikalischen Dialogen von zwei, drei und vier Chören und war bisweilen von vier Seiten her gleichzeitig von prachtvollen Klängen umgeben. Nach einer Stunde war man vollends dem Zauber erlegen, hätte locker noch zwei weitere gehört. Doch der Abend wurde durch ein festliches Ereignis jäh unterbrochen: die CD-Taufe.
In der hauseigenen CD-Reihe der „Musik in der Klosterkirche Muri“ sind bislang eine Aufnahme der „Messe von Muri“ von Valentin Rathgeber [ergänzt mit Instrumentalkonzerten) sowie ein Porträt der großen Orgel mit Musik der norddeutschen Schule und von Johann Sebastian Bach erschienen.
Die neue CD „Echo & Risposta“ ist die dritte Aufnahme, das Ensemble Les Comets Noirs ihr Protagonist. Im Unterschied zum Konzert von Ende August ist man nun musikalisch ein paar Jahrzehnte weitergegangen, lauscht virtuoser Instrumentalmusik aus Italien und Deutschland des 17. Jahrhunderts – von Dietrich Becker, Benedetto Re, Niccolo Corradini, Salomone Rossi und anderen. Diese Komponisten führten teilweise weiter, was Heinrich Schütz (1585-1672) und sein Schüler Giovanni Gabrieli (1557-1612) einst erdacht und komponiert hatten.
Ende August wollte man es noch nicht zur Kenntnis nehmen, dass auch noch eine zweite Aufnahme vorgestellt wurde, wollte diese CD doch noch gar nicht zur Jahreszeit passen. Doch nun rückt – jawohl! – Weihnachten näher. Unter dem Titel „Praeludien für die heilige Weihnachtszeit“ hat Johannes Strobl an der großen Orgel selten gespielte Pastoralmusik von einigen Mozartzeitgenossen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts aufgenommen: Johann Baptist Schiedermayr (l779-1849), Johann Ernst Eberlin (1702-1762) oder Johann Caspar Aiblinger (1779-1867) stellen das Instrument naturgemäß in ein ganz anderes licht als die oben erwähnte Aufnahme. Strobls Spiel ist die Lust am Weihnachtsjubel anzumerken. Er ist dem viel geäußerten Wunsch, Weihnachtsmusik aus Muri auf CD einzuspielen, hörbar gerne nachgekommen.
Dem 40-jährigen Musiker, der seit 2001 als Organist in Muri arbeitet, gelingt es als Initiant der zwei Aufnahmen einmal mehr, den Namen der Klosterkirche Muri originell wie glanzvoll in die Welt zu bringen.
Mit der 2002 gegründeten Cappella Murensis tritt er auch als Dirigent in Erscheinung. Diesen Sonntag aber wird man ihn solo erleben, spielt Strobl doch Orgelsonaten der Romantik. Eine weitere Entdeckungsreise in neue Klangwelten wird sich da auftun. Und bestimmt steht dort auch ein Tischchen, wo die zwei neuen CDs aufliegen.
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