Die Klavierkonzerte von Camille Saint-Saëns - entstanden in der 2. Hälfte des 19. Jahrunderts - gehören nicht zum Standard-Repertoire der Pianisten. Sie galten lange als konservativ. In einer Zeit, als der modernere Impressionismus von Débussy und Ravel in Mode kam, hielt Saint-Saëns an seinen romantischen Vorbildern Liszt, Chopin und Mendelssohn fest. Dennoch hat Saint-Saëns seinen Konzerten durchaus individuelle Züge verliehen, indem er etwa die klassische Satzfolge auf den Kopf stellte. Das mit Abstand beliebteste 2. Klavierkonzert beginnt mit einem langsamen Anfangssatz, dem Saint-Saëns zwei schnelle Sätze folgen läßt. Saint-Saëns hat das Werk in nur drei Wochen geschrieben und selbst uraufgeführt. Die russische Pianistin Anna Malikova meistert ihre Soloparts bravourös, hier das furiose Tarantella-Thema im Finale:
[Hörbeispiel: Track 6, 0’05 – 0’15]
Dem vierten Konzert von 1875 ist die Einführung der Sinfonischen Dichtung in Frankreich vorausgegangen. Saint Saëns entschied sich für eine zweisätzige Form. Sie erinnert an die Konzertform-Idee von Franz Liszt.
Themenverwandlungen durch veränderte Rhythmisierung und Harmonisierung sind seine schlüssig umgesetzten Ideen. Elektrisierend wirken die ungeheuren Ausmaße der Läufe und Arpeggien. Anna Malikova genießt hörbar die großartige Weitschweifigkeit – hier im Eingangssatz des 4. Konzertes:
[Hörbeispiel: Track 7, 1’50 – 1’59 / 2’18 – 2’37]
1993 hat Anna Malikova einen 1. Preis beim ARD-Musikwettbewerb erringen können – übrigens zum damaligen Zeitpunkt erstmals wieder nach 12 Jahren. Seitdem führt ihr Karriereweg steil nach oben. In ihrer Biografie finden sich viele Stationen bei international renommierten Orchestern. Das Zusammentreffen mit dem WDR-Sinfonieorchester führte schließlich zur Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte von Saint-Saëns. Drei wurden jetzt veröffentlicht, das 3. und 5. sollen noch folgen. Der Dirigent Thomas Sanderling hält die Fäden stets fest in der Hand und läßt Anna Malikova zugleich kreativen Freiraum. In dieser wunderbaren Einspielung sollten die Klavierkonzerte von Saint-Saëns endlich stärkere Beachtung finden als bislang.