Ein bisschen kauzig dürfte er gewesen sein, der Prokuristensohn aus Paris, der selbst über seine seltsame Jugend in der Obhut seiner Mutter und seiner Großtante schrieb: „Die beiden Frauen – verwitwet, materiell kaum gesichert und bedrückt von traurigen Erinnerungen standen allein mit einem Kind von äußerst schwächlicher Konstitution, für dessen Lebensfähigkeit die Ärzte nicht garantieren konnten.“ Dann ist Camille Saint-Saëns aber doch steinalt geworden: Er starb im Alter von 80 Jahren, und sein umfangreiches Werk erwies sich ebenfalls als höchst überlebensfähig, auch wenn manches heute noch im Schatten übermächtiger Landsleute wie Berlioz und Debussy steht.
Auch das spürbare Qualitätsgefälle der Musik von Saint-Saëns dürfte dafür gesorgt haben, dass manches bei der Nachwelt ins Hintertreffen geriet. Einige Stücke führen dennoch zu Unrecht ein Schattendasein. Das gilt zum Beispiel für drei der fünf Klavierkonzerte, von denen lediglich die Nr. 2 g-moll op. 22 und Nr. 4 c-moll op. 44 feste Plätze im Repertoire verteidigen. Gesamtaufnahmen aller Konzert sind eher dünn gesät, weshalb eine Neueinspielung der Pianistin Anna Malikova mit dem Sinfonieorchester des Westdeutschen Rundfunks unter Thomas Sanderling (Nr. 1, 2 und 4: audite 92.509 SACD; Nr. 3 und 5: audite 92.510 SACD, beide im Surround Sound) ohnehin dankbar angenommen werden dürfte.
Die Pianistin, die aus Taschkent in Usbekistan stammt und bereits mehrfach im Karlsruher Forschungszentrum gespielt hat, ist Preisträgerin prominenter Wettbewerbe, darunter der Chopin-Wettbewerb in Warschau und vor allem der ARD-Wettbewerb, bei dem sie 1993 den ersten Preis errang. Den Konzerten von Saint-Saëns gibt sie ein sehr eigenes, höchst überzeugendes Profil. Gerade in den bekannten Konzerten zwei und vier, die nicht selten als eindimensionale Reißer geboten werden, überrascht Anna Malikova mit zwar starkem, jedoch auch der dekorativen Poesie dieser Musik zugetanem Zugriff. Feine Nuancen und geschmeidige Geläufigkeit geben dem Spiel Anna Malikovas zarten Duft und einnehmende Natürlichkeit. Damit macht sich die Solistin zur kompetentem Anwältin auch der seltener zu hörenden Konzerte, selbst das beschauliche Frühwerk Nr. 1 D-Dur gewinnt im Spiegel dieses filigranen Klavierklangs seinen eigenen Zauber. Tadellos in jeder Hinsicht assistieren ihr Thomas Sanderling und das WDR-Sinfonieorchester. |