Eine 12-CD-Box präsentiert erstmals sämtliche RIAS-Aufnahmen Wilhelm Furtwänglers in hervorragender Klangqualität
„Was ich selbst von Beethoven immer vortragen hörte, war mit wenig Ausnahmen stets frei alles Zwanges im Zeitmaße; ein „Tempo rubato“ im eigentlichsten Sinne“, erinnerte sich Anton Schindler, der erste Sekretär und Biograph des Meisters. Tempo rubato, zu deutsch „gestohlene Zeit“, ist die Bezeichnung für einen musikalischen Vortrag, der sich nicht streng im Takt bewegt. Der erste Dirigent im heutigen Sinne – und der erste, der Beethovens Symphonien mit nachhaltigem Erfolg aufführte – war Richard Wagner. Im Gegensatz zu den strikt im Takt schlagenden Dirigenten seiner Zeit zeichneten sich seine Aufführungen durch eine im Orchesterkonzert bis dato unbekannte improvisatorische Qualität aus. „Immer tempo rubato“, so beschrieb Hector Berlioz bezeichnenderweise Wagners Dirigate. Als „nachschöpfender“ Dirigent prägte er eine ganze Generation von deutschen Kapellmeistern und begründete damit eine Tradition, die über Bülow, Nikisch, Furtwängler, Karajan (mit Einschränkung), Celibidache bis hin zu Barenboim reicht. Der bemerkenswerteste Exponent auf dieser Linie der „Subjektivisten“ war Wilhelm Furtwängler, dessen Künstlertum in großem Kontrast zu der sich nach dem Krieg mehr und mehr durchsetzenden Objektivität musikalischer Lesarten steht. Heute ist Furtwängler eine Kultfigur und übt eine Faszination aus, die weit über den Anklang hinausgeht, der ihm zu Lebzeiten zuteil wurde.
Eine nun mit großer Sorgfalt herausgegebene 12-CD-Box mit sämtlichen im Archivbestand des RIAS Berlin befindlichen Mitschnitten von Furtwänglers Nachkriegskonzerten mit den Berliner Philharmonikern stellt eine wertvolle Bereicherung der Furtwängler-Diskographie dar. Häufig hiermit erstmals von den originalen Masterbändern kopiert, können die Aufnahmen nun in einer klanglich in beinahe allen Fällen den früheren Veröffentlichungen weit überlegenen Qualität vorgestellt werden. Interpretationen wie etwa Beethovens 5. Symphonie vom 25. Mai 1947 (nicht zu verwechseln mit dem bekannteren zwei Tage später entstandenen Mitschnitt) oder Beethovens Violinkonzert mit Yehudi Menuhin vom 28. September 1947 – bisher nur von dürftigen Kopien bekannt – atmen den Geist einer verlorenen Zeit und lassen im neuen ungewohnt hellen und durchsichtigen Klanggewand die Kunst Furtwänglers verblüffend nah und direkt nacherleben. Während der flache Klang seiner EMI-Studioaufnahmen auf die eingeschränkten Wiedergabemöglichkeiten der damaligen Zeit abgestimmt war, nahm man beim Rundfunk keine derartigen Rücksichten und erzielte eine den damaligen Schallplatten aus heutiger Sicht weit überlegene Tonqualität. Dies findet sich in der vorliegenden Ausgabe, bei der man minutiös auf die korrekte Tonhöhe achtete (etwas höher als bei diversen Alternativveröffentlichungen!), einmal mehr eindrucksvoll bestätigt. Die vor allem um Beethoven, Brahms, Bruckner und Schubert kreisende und somit für Furtwänglers Schaffen repräsentative Zusammenstellung ist mit Sicherheit eine der wichtigsten Furtwängler-Veröffentlichungen der vergangenen Jahre.
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