Schenkt man Dokumentationen über Wilhelm Furtwänglers Entnazifizierungsverfahren Glauben, dann müssen die Verhöre nach dem Krieg mit großer Härte geführt worden sein. Für den Dirigenten gewiss ein Martyrium. Es sollte noch bis zum 25. Mai 1947 dauern, ehe er „sein“ Orchester, die Berliner Philharmoniker, wieder leiten durfte. Glücklicherweise wurden von da an die meisten Furtwängler-Konzerte vom RIAS Berlin aufgezeichnet. Schon immer war Furtwänglers Konzertrepertoire von Werken der mitteleuropäischen Musiktradition bestimmt. So wählte er als programmatischen Auftakt seines Neuanfangs Beethovens „5. und 6. Sinfonie“, die zwar als komplementäres Paar gedacht sind, aber selten so aufgeführt werden.
Mit dem Mitschnitt dieses Abends beginnt die vorliegende CD-Reihe von Furtwänglers späten Berliner Auftritten, für die erstmals auf die originalen, mühevoll restaurierten Rundfunkbänder zurückgegriffen werden konnte. Sie endet auf CD 12 mit dem Konzert vom 23. Mai 1954 – interessanterweise wiederum mit der Kombination der beiden Beethoven-Werke „Pastorale“ und „Schicksals-Sinfonie“. Ein halbes Jahr später starb Furtwängler 68-jährig in Baden-Baden. Seine Witwe sagte später, er habe die erstbeste Erkältung dazu benutzt, um sich davon zu machen, da er die nicht nachlassenden Vorwürfe wegen seiner NS-Verstrickung nicht mehr ertragen wollte.
Musikalische Form und musikalischer Gehalt bleiben bei Furtwänglers Dirigaten immer genau austariert und befeuern sich gegenseitig. Manchmal scheint ihm der Weg zur Apotheose allerdings wichtiger zu sein als diese selbst. Das Magische seiner Interpretationen bestand darin, dass er den Zuhörern stets den Eindruck vermitteln konnte, die jeweilige Komposition würde im Augenblick des Konzerts neu geschaffen werden. Solche Erlebnisgehalte haben auch über ein halbes Jahrhundert nach ihrer Entstehung nichts an Brisanz verloren.