Wilhelm Furtwängler, an diesem Namen kommt man in der klassischen Musik nicht vorbei. Der Dirigent und Komponist absolvierte seit den 1920er Jahren bis in das erste Nachkriegsjahrzehnt eine glänzende Karriere, war nicht nur Leiter der Philharmonischen Orchester in Wien oder London, 1922 wurde Furtwängler nahezu gleichzeitig Gewandhauskapellmeister und Chef der Berliner Philharmoniker. Jetzt sind Konzerte, die Furtwängler zwischen 1947 und 1954 mit den Philharmonikern gegeben hat, und die RIAS Berlin mitgeschnitten hat, in einer großen CD-Box erschienen. Beatrice Schwartner hat diese legendären Aufnahmen für uns durchgehört.
Wilhelm Furtwängler im RIAS Berlin, dem „Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins“? Ist das nicht ein Widerspruch in sich? Um den großen Dirigenten wabern jede Menge Gerüchte über sein Verhältnis zu den Nationalsozialisten. Ob er ihren Interessen gedient hat, ob er sich mit ihnen gemein gemacht hat, all darüber musste der Chef der Berliner Philharmoniker, des Vorzeigeorchesters des Reiches, Zeugnis ablegen als nämlich die amerikanische Wehrmacht 1945 den Fall Furtwängler unter die Lupe nahm. Bis zum Dezember 1946 dauerte die Untersuchung, verbunden mit einem Auftrittsverbot. Und erst im Jahr darauf durfte Furtwängler wieder öffentlich sein Orchester dirigieren. Denn die künstlerischen Leistungen konnten nicht beiseite gewischt werden. Das erklärt vielleicht auch, dass der RIAS Furtwänglers Konzerte mit den Berliner Philharmonikern zwischen 1947 bis zu seinem Tod 1954 aufgezeichnet hat.
„Das letzte und größte Ziel, was ein Dirigent erreichen kann, ist eine Legato-Melodie zu dirigieren. Das heißt eine Melodie so zu dirigieren, dass sie wirklich als Legato, als lebendig atmender Fluss empfunden wird. Alles staccato, jeder Rhythmus das ist alles bedeutend einfacher.“
Die RIAS-Aufnahmen sind historisch wertvolle Dokumente des späten Wilhelm Furtwängler. Nicht nur, dass sich in dieser Box eine CD findet mit einem ausführlichen Interview mit dem Maestro. Beinahe all seine bevorzugten Komponisten kommen auf 12 weiteren CDs zu Gehör: Wagner, Brahms, Schubert, Richard Strauss und ganz besonders interessant: Beethoven. Gleich 3 seiner Sinfonien, die Eroica, die 5. und 6. können direkt verglichen werden. Beispielsweise in der Pastorale – da die Aufnahme von 1947, hier die von 1954.
Gerade wie Wilhelm Furtwängler Beethoven dirigiert, das ist und bleibt in der Schallplattengeschichte unerreicht. Obwohl niemand so ungenau, beinahe fahrig geschlagen haben soll, wie Furtwängler. Wenn er ans Dirigentenpult trat, so erzählt man sich, dann waren die Augen der Musiker bei ihrem Konzertmeister, um von dort den Einsatz zu bekommen. Dem Maestro selbst war an seinem Dirigat aber ganz anderes wichtig. Noch einmal Wilhelm Furtwängler in einem Originalton aus dem Jahr 1951.
„Richtige Dirigenten, da hat jeder seine Schlag, und dieser Schlag beeinflusst den ganzen Klang des Orchesters. Dass eine Präzision erreicht wird, wenn man hart und klar schlägt, das ist ja sehr einfach, aber zugleich mit diesem harten und klaren Schlag zu verbinden alle die übrigen Werte, die man dem Orchester beimischen will und muss, einen harten Klang oder einen weichen Klang, ein staccato oder ein legato, das liegt eben in der Schlagtechnik.“
Was ihm bei Beethoven, Bruckner und Brahms gelingt – Maßstäbe in der Interpretation zu setzen, innere Dramen in der Musik freizulegen, filigrane Detailarbeit zu leisten, das lassen die Aufnahmen von Bach und Händel vermissen. Aber egal, ob hier oder da, auch in der Beschäftigung mit aktuellen Komponisten dieser Nachkriegszeit, wie Hindemith, Blacher und Fortner, in allen 12 Konzertabenden, die der RIAS Berlin mitgeschnitten hat, und die in dieser Edition den vollständigen Furtwängler-Bestand im Schallplattenarchiv des heutigen Deutschlandradios präsentieren: die künstlerischen Intensität von Furtwänglers Dirigat macht staunen.
Legendäre Aufnahmen hat das Label Audite da zu Tage gefördert. Ausnahmslos Originalbänder wurden für diese CD-Box restauriert. Und dabei fällt auf, dass der Klang nicht verfälscht ist. Er wurde eben nicht an heutige Hörgewohnheiten angepasst, sondern offenbart durch behutsames Remastering alle Nuancen der Künstlerpersönlichkeit Wilhelm Furtwängler.
[Hörbeispiel: Weber, Freischütz-Ouvertüre]
Die Ouvertüre zu Webers „Freischütz“, der RIAS-Mitschnitt eines Konzerts, das Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern im Dezember 1952 gegeben hat.
Zu finden in der 13-CD-Box mit den kompletten RIAS-Aufnahmen live aus Berlin. Erschienen ist diese Box, die uns eben Beatrice Schwartner vorstellte, beim Label Audite. Und da gibt es viele Schätze zu entdecken, u.a. auch das Konzert Ende September 1947, als Yehudi Menuhin seinen ersten Auftritt im Nachkriegs-Berlin absolvierte mit Beethovens Violinkonzert. Die kompletten Originalbänder aus Wilhelm Furtwänglers späten Jahren also jetzt (seit 15. Mai) per CD erhältlich inkl. einer Interview-Aufnahme kosten um die 40 Euro. Zusatzmaterial und ein Podcast mit kommentierten Hörbeispielen zur Arbeit des Tonmeisters beim Remastering gibt es noch auf der Internetseite des Labels audite.de. |