So widersprüchlich er vielleicht in seinem politischen Handeln beziehungsweise Nicht-Handeln war, so unbestechlich war er als Dirigent: Wilhelm Furtwängler. Letzteres beweist eine Box mit 12 CDs, die jetzt vom Label Audite herausgegeben wurde. Sie versammelt Live-Mitschnitte von Furtwänglers Konzerten mit den Berliner Philharmonikern zwischen 1947 und 1954.
Grundlage der neu bearbeiteten Aufnahmen sind Originalbänder aus dem Archiv von RIAS Berlin. Ausgerechnet aus dem Archiv des „Rundfunks im amerikanischen Sektor“, wo doch den Amerikanern der „Fall Furtwängler“ ein Dorn im Auge war, sie den Dirigenten erst 1952 wieder als Chef der Berliner Philharmoniker zuließen? Nun, hier galt's der Kunst, könnte man mit Wagner sagen. Uns beschert diese Entscheidung der amerikanischen Besatzungsmacht ein faszinierendes Dokument von Furtwänglers Spätwerk, quasi ein Porträt des Dirigenten zu einem Zeitpunkt, als er ähnlich wie Karajan um die Fortsetzung seiner Karriere bangen musste. Einzelne Aufnahmen dieser Box waren bereits früher erhältlich, noch nie aber in der neuen technischen Qualität und in dieser Vollständigkeit. Entstanden sind die Aufnahmen im Titania-Palast und im Schiller-Theater in Berlin.
Faszinierend alleine schon die Programmgestaltung. Dass ein Schwerpunkt auf dem klassisch-romantischen Repertoire liegt, überrascht nicht: Sinfonien von Brahms, Beethoven, Bruckner, Schubert, Ausschnitte aus Wagner-Opern, „Don Juan“ von Strauss. Manche Werke liegen gleich in zwei unterschiedlichen Aufnahmen vor, etwa die fünfte und sechste Sinfonie von Beethoven, dessen Violinkonzert sich ebenfalls in den Konzertprogrammen befindet: mit Yehudi Menuhin als Solisten. Doch es gibt auch Überraschendes: „Alte“ Musik, von Händel, Bach, die Furtwängler natürlich völlig unbeleckt von der Historischen Aufführungspraxis, dennoch sinnvoll umsetzt. Und Zeitgenössisches hat er unter seine Hausgötter gemischt: Wolfgang Fortners Violinkonzert, Hindemiths Concerto für Orchestra, auch Boris Blachers Concertante Musik für Orchester. Man lernt in diesen späten Livemitschnitten einen etwas anderen Furtwängler kennen, einen Musiker, der sich ganz in den Dienst der Sache stellt. Weit weniger eklatant sind beispielsweise die sonst auch schon einmal fast bis zum Manierismus getriebenen ständigen Tempiwechsel.
Zur Person: Wilhelm Furtwängler
Der 1886 in Berlin geborene und 1954 in der Nähe von Baden-Baden verstorbene Wilhelm Furtwängler gehört nicht nur zu den größten deutschen Dirigenten, er ist zugleich auch als politischer oder vielmehr unpolitischer Mensch einer der umstrittensten Persönlichkeiten. Anders als bei Karajan, der ein berechnender Opportunist war, ist der „Fall Furtwängler“ (so der Name eines Theaterstückes) gelagert. An der Spitze sowohl der Berliner Staatsoper als auch der Berliner Philharmoniker war Furtwängler, der 1915 auch am Nationaltheater Mannheim engagiert war, ein Aushängeschild des NS-Staates. Er ließ sich als solches missbrauchen, aber er setzte sich für jüdische Musik ebenso ein wie für die als „entartet“ geschmähte Musik eines Paul Hindemith. Unumstritten sind seine Verdienste um die deutsche Orchesterkultur: Nicht zuletzt Furtwängler ist es zu verdanken, dass noch heute von einem „deutschen“ Klang gesprochen wird. Und das ist nun wirklich nicht politisch gemeint.
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