Die Veröffentlichung einer 12-CD-Box plus Bonus-CD mit den kompletten, zwischen Mai 1947 und Mai 1954 vom Sender RIAS Berlin mitgeschnittenen Live-Konzerten der Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler kommt einer diskographischen Großtat gleich. Zwar ist ein großer Teil der hier versammelter Werke schon zuvor in anderen Editionen erschienen, ihnen lagen jedoch – abgesehen von wenigen Ausnahmen – nicht die originalen Bänder oder deren archivarische Aufarbeitungen, sondern meist nur Mitschnitte von Rundfunkübertragungen zugrunde, was die Qualität der Veröffentlichungen wesentlich beeinträchtigte. Für diese Edition konnte das Label audite auf die Archivmaterialien des RIAS (heute: Deutschlandradio Kultur in Berlin) zurückgreifen, sodass nun erstmals eine Gesamtpublikation in optimaler Qualität vorliegt. Dabei kam es den Herausgebern darauf an, den Klang der Aufnahmen nicht zu verfälschen, das heißt ihn nicht heutigen Hörgewohnheiten anzupassen, sondern ihn durch behutsame, aber intensive Bearbeitung freizulegen, insbesondere in Fällen, in denen sich das Ausgangsmaterial in schlechtem Zustand befand.
Es fällt schwer, heute Lebenden zu vermitteln, was der erste Auftritt des legendären Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern am 25. Mai 1947 für die Menschen in der mit Ruinen übersäten und in vier Sektoren aufgeteilten Stadt bedeutete. Nach zwei verheerenden Wintern, in denen zahlreiche Bewohner Berlins vor Hunger und Kälte starben und Stromsperren die triste Atmosphäre noch verstärkten, wurde das erste Furtwängler-Konzert mit Beethovens sechster und fünfter Sinfonie (in dieser Reihenfolge) im Steglitzer Titania-Palast, einem ehemaligen Großkino, von vielen als ein symbolträchtiges, in eine wieder lebenswerte Zukunft weisendes Ereignis empfunden. So konnte denn auch der Musikkritiker Kurt Westphal in einer Berliner Zeitung schreiben: „Es gibt Eindrücke, die den Menschen in einen Zustand versetzen, in dem er die geistige Identität, die innere Einheit mit sich selbst zu verlieren droht, in denen Schichten seines Seins angerührt werden, die er vor jedem Zugriff bewahrt wissen möchte. Dass auch künstlerische Eindrücke diesen Zustand zu erzeugen vermögen, erfuhren wir selten mit solcher Deutlichkeit wie in dem ersten Konzert, das Wilhelm Furtwängler mit dem Berliner Philharmonischen Orchester am Pfingstsonntag im Titania-Palast gab.“
Die elf Programme an insgesamt zwölf Konzertabenden umfassen ein rein „deutsches Repertoire“: im klassischen Bereich Werke von Bach, Beethoven, Brahms, Bruckner, Gluck, Händel, Strauss, Schubert, Schumann, Wagner und Weber und im „modernen“ Werke von Blacher, Fortner und Hindemith. „Furtwängler demonstrierte“, wie Habakuk Traber im sehr sorgfältig erarbeiteten Booklet zur vorliegenden Edition schreibt, „eine Tradition deutscher Musik, die von den Nationalsozialisten weder gänzlich zerschlagen noch völlig vereinnahmt und damit diskreditiert wurde. Hindemith, Blacher und Fortner standen exemplarisch dafür: Sie vertraten eine ‚gemäßigte Moderne’, die dem breiten Publikum nahegebracht werden konnte, ohne Abwehrreaktionen hervorzurufen. Er zog für sich klare stilistische Grenzen, Werke der Zweiten Wiener Schule und vor allem der jungen Avantgardisten überließ er anderen Dirigenten...“
Auffallend ist, dass das Programm so gestaltet war, dass während des Zeitraums von ziemlich genau sieben Jahren mit Yehudi Menuhin und Gerhard Taschner (beide Violine) sowie Elisabeth Grümmer und Peter Anders (Gesang) nur vier Solisten auftraten. Das Konzert mit Yehudi Menuhin – er spielte Beethovens Violinkonzert, op. 61 – fand am 28. September 1947 statt: Es war zugleich Menuhins erster Auftritt im Nachkriegsberlin. Diesem Konzert kam insofern eine historische Bedeutung zu, weil Menuhin als erster jüdischer Künstler nach dem Krieg mit Furtwängler zusammenarbeitete und so ein positives Zeichen für die Zukunft setzte.
Wie Rüdiger Albrecht im Booklet versichert, dokumentiert die Edition „den vollständigen Bestand aller erhaltenen vom RIAS eigenproduzierten Konzertmitschnitte Wilhelm Furtwänglers“. Es gibt jedoch Verluste zu beklagen: So standen beim ersten Konzert am 25. Mai 1947 nicht nur Beethovens Sinfonien Nr. 6 und Nr. 5 auf dem Programm, sondern auch die einleitende „Egmont“-Ouvertüre: Sie wurde gelöscht, „weil zu diesem Zeitpunkt zwei Mitschnitte der Egmont-Ouvertüre mit den Berliner Philharmonikern existierten“, eine dirigiert von Bruno Walter. Für die Archivierung bevorzugte man offensichtlich die Walter-Version, was doch angesichts des historischen Ereignisses dieses ersten Furtwängler-Konzerts nach 1945 doch ziemlich ungewöhnlich ist. Und noch eine weitere Furtwängler-Aufnahme fiel der Löschung zum Opfer: Beethovens Sinfonie Nr. 7 aus dem Konzert vom 28. September 1947. Die von Albrecht dafür gegebene Begründung, dass dies damals aus dem Zwang zur „Materialersparnis“ heraus geschehen sei, überzeugt nur zum Teil, denn die Sinfonie Nr. 7 wurde laut Bandpass erst im Dezember 1950 gelöscht.
Anders liegt der Fall des Verlustes von Beethovens Sinfonie Nr. 9 aus der Eröffnungsveranstaltung des Schillertheaters am 5. September 1951. „Beethovens Sinfonie bricht auf dem ungeschnittenen Rohmaterial nach wenigen Sekunden ab“, verrät Albrecht im Booklet. Nach dem Bandpass lag der Grund in sogenannten „Leitungsfehlern“, das heißt „Knistern oder ähnlicher elektrischer Störgeräusche...“. Folglich wurden die Bänder gar nicht erst archiviert, sondern gleich nach der Live-Übertragung gelöscht. „Dieser aus heutiger Sicht belanglose – weil korrigierbare – Fehler beraubt uns um eine, wenn man den Kritiken glauben darf, große Aufführung, immerhin mit den Solisten Elisabeth Grümmer und Peter Anders. Erhalten geblieben sind lediglich Glucks Ouvertüre zur Oper ‚Alceste’ und die Rede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss“, vermerkt Rüdiger Albrecht.
Diese drei bedauerlichen Verluste können jedoch nicht den außergewöhnlichen diskographischen Rang schmälern, der dieser neuen Furtwängler-Edition sowohl als musik-historischem wie auch als zeitgeschichtlichem Dokument zukommt. Unterstrichen wird der dokumentarische Charakter noch durch die ihr beigefügte Bonus-CD: Sie enthält den Mitschnitt eines Kolloquiums in der Berliner Hochschule für Musik vom 27. Februar 1951 mit Werner Egk, dessen Studenten und Wilhelm Furtwängler.
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