Für die Vorderseite der CD-Kassette haben die Herausgeber ein Jugendbildnis Wilhelm Furtwänglers gewählt. Das irritiert ein bisschen, denn die pietätvoll schwarz gefärbte Box enthält das Spätwerk des berühmten Dirigenten: die Berliner RIAS-Aufnahmen, die in den letzten sieben Lebensjahren Furtwänglers live mitgeschnitten wurden. Das in Detmold residierende audite-Label konnte erstmals auf originale Tonbänder zurückgreifen und hat sie bis zum letzten Huster sorgsam aufbereitet. Mit dezent erhöhtem Raumanteil und manchmal überraschend warmem Klang der tiefen Streicher. Über Lautsprecher tönt das schon sehr passabel, unterm Kopfhörer bleibt es bei Low Fidelity. Da muss man einfach Grenzen akzeptieren.
Eng umgrenzt ist auch das Repertoire von Furtwängler. Das war es immer, und beim Spätwerk ist diese Tendenz noch ausgeprägter. Wagner, Schubert, Bruckner, Beethoven (wobei die 12-CD-Box mehrere der Sinfonien doppelt bringt): Es ist der eiserne Bestand. Am deutschen Wesen sollte die kaputte Welt genesen, musikalisch jedenfalls, obwohl die Nazi-Zeit noch kaum vorüber war. Eine gewisse Ironie liegt schon darin, dass die US-Besatzer Furtwängler in ihrem Rundfunksender RIAS bald bevorzugten, den Mann, der ihnen kurz zuvor als Kollaborateur gegolten hatte.
Fehler eines "Unpolitischen"
Im Begleitheft der audite-Edition werden die Fehler eines "Unpolitischen" durchaus nicht ausgespart, obwohl der Text das künstlerische Ethos Furtwänglers letztlich als unbefleckt erachtet. Deutsche Kontinuitäten pflegt der Dirigent auch noch in seinen RIAS-Aufnahmen. Die Antipoden Brahms und Wagner rücken plötzlich eng zusammen, wenn dem "Trauermarsch" aus Wagners "Götterdämmerung" sinfonische Entwicklungszüge implantiert werden und umgekehrt die dritte Sinfonie von Brahms fast theatralisch aufbraust. Furtwängler vereinigt sogar sinnstiftend Händel und Hindemith, dessen "Konzert für Orchester" ja tatsächlich an die Musizierweise und Bauart des Concerto grosso der Barockzeit anknüpft. Einmal aber stößt der Dirigent an Grenzen: Wolfgang Fortners Violinkonzert kann selbst ein Furtwängler keine Visionen aufzwingen, es ist so trocken wie ein Bündel Stroh.
Ansonsten sieht man ihn beinahe vor sich, wie er sich beim Dirigieren leicht nach hinten neigt, um dadurch weite, hohe Räume in den Blick nehmen zu können. Furtwängler ist in den RIAS-Aufnahmen noch mehr als sonst der Gott der Großdisposition, der Großmeister der Kunst des Übergangs, und die Berliner Philharmoniker sind sein zwar willenloses, aber klangmächtiges Werkzeug. Insbesondere bei Beethoven können die Resultate triumphal geraten. Aber selten vordergründig: Wenn die fünfte Sinfonie im vorletzten Konzert, das Furtwängler noch dirigieren konnte, im Verlauf des dritten Satzes plötzlich leise wird, verändert sich auch schlagartig die Farbe, das Gefühl, und Pianissimo und Misterioso werden eins. So hört sich große Kunst an.
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