Archiv-Veröffentlichungen haftete lange der Geruch an, eine Sache für Experten zu sein. Man brauchte ein ausgeprägtes musikgeschichtliches Interesse, um durch das Rauschen, Knistern und Leiern hindurch zu hören. Ein wirklicher Hörgenuss waren und sind viele dieser vermeintlichen Schätze nicht.
Doch es geht auch anders, wie unter anderem die Serie „First Master Release“ des kleinen Labels „audite“ dokumentiert. Neuester Beleg ist eine CD-Box, die alle erhaltenen RIAS-Mitschnitte der Auftritte Wilhelm Furtwänglers mit den Berliner Philharmonikern zusammenfasst. Furtwängler, politisch eine durchaus umstrittene Persönlichkeit; musikalisch, als Komponist wie als Dirigent, eine der herausragenden Figuren des 20. Jahrhunderts.
„Master Release“, das bedeutet: Es wurden ausschließlich die Originalbänder des Senders RIAS verwendet. Trotzdem wäre der Klang eher dürftig, gäbe es nicht die heutigen Möglichkeiten digitaler Bearbeitungstechnik. Denn obwohl der RIAS vergleichsweise hochwertige Bänder verwendete, sind auch sie nicht frei von Geschwindigkeitsschwankungen und allerlei Störgeräuschen.
Am Computer lassen sich diese Fehler nicht hundertprozentig beseitigen, aber mit viel Sorgfalt doch so kaschieren, dass der Hörer sich ganz auf die Musik konzentrieren kann.
So kann man nun die Augen schließen und sich ganz der „Vergeistigung des Klangs“ hingeben, die die Berliner Zeitung am 28. Mai 1947 in einem Artikel über die Rückkehr Furtwänglers auf das Dirigentenpult (nach zweieinhalbjähriger Entnazifizierungspause) notierte. Man lernt verstehen, wieso die Schwarzmarkt-Tickets im Nachkriegs-Berlin teuer genug sein konnten, „um den Kohlenbedarf einer mittleren Familie für den ganzen nächsten Winter auf dem Schwarzen Markt zu decken“, wie der Rezensent schrieb. Denn die Musikverehrer wurden reichlich beschenkt: „... es war manchmal, als hätten die 1500 Menschen sogar das Atmen eingestellt“.
Am meisten, auch das verdeutlicht die Box, lagen Furtwängler die großen Symphoniker am Herzen – Beethoven, Brahms, Bruckner. Dass mehrere Sinfonien doppelt vertreten sind, macht die Edition umso wertvoller.
Für Furtwängler war jede Aufführung eine Neuschöpfung des Werkes, und hier wird diese Haltung vortrefflich nachvollziehbar. Die CDs sind in vielfacher Hinsicht ein bedeutendes musikhistorisches Dokument, vor allem und ganz unmittelbar jedoch: reinste Musik.
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