Wilhelm Furtwängler: Dieser Dirigent bewegt auch noch ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod die Gemüter, die Geschichte von Wilhelm Furtwängler ist zum Thema eines Theaterstücks geworden und hat es schließlich in einer Top-Besetzung auf die Leinwand geschafft. „Der Fall Furtwängler“ – so der Titel des Films – handelt aber zunächst einmal nicht von der Musik, sondern von einem Musiker und der Frage nach Schuld und Mitschuld. Wie weit hat Wilhelm Furtwängler gemeinsame Sache mit dem Terrorregime der Nazis gemacht oder ist es möglich, dass es ihm auch in diesen Zeiten nur um die Musik ging? Um Musikaufnahmen unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler soll es aber jetzt bei uns gehen, denn beim Label „audite“ sind auf 12 CDs alle Konzertaufnahmen erschienen, die nach dem Krieg in Berlin vom Rundfunk mitgeschnitten wurden. Martin Grunenberg hat sie für uns gehört.
[Hörbeispiel: Beethoven, 6. Sinfonie]
25. Mai 1947, zum ersten Mal seit Ende des Krieges dirigiert Wilhelm Furtwängler wieder die Berliner Philharmoniker, auf dem Programm: zweimal Beethoven – erst die 6. Sinfonie, die Pastorale, und dann die 5. Sinfonie.
[Hörbeispiel: Beethoven, 6. Sinfonie]
23. Mai 1954, bei einem seiner letzten Konzerte dirigiert Wilhelm Furtwängler wieder zweimal Beethoven: wieder die Pastorale und die 5. Sinfonie. Die Musik Beethovens bildet nicht nur die Klammer für diese neue Edition von Aufnahmen Wilhelm Furtwänglers mit den Berliner Philharmonikern, das deutsche Repertoire war immer Kern seines Musizierens.
Auf zwölf CDs sind vom Label „audite“ nun alle Aufnahmen veröffentlicht worden, die der RIAS nach dem Krieg von den Konzerten der Berliner Philharmoniker gemacht hatte. Die Stadt lag in Trümmern, nur ein größerer Saal hat das Inferno halbwegs unbeschadet überstanden, und so wird das Titania-Kino zum Konzertsaal für alle Aufnahmen der Berliner Philharmoniker unter Furtwängler bis 1954. Dass aber nun ausgerechnet der RIAS, der „Rundfunk im amerikanischen Sektor“, seine Konzerte mitschnitt, verwundert. Schließlich war Furtwängler von den amerikanischen Behörden eingehend befragt worden und als Leiter des Reichsorchesters, wie die Berliner Philharmoniker in Nazi-Zeiten hießen, konnte er eine gewisse Nähe zum Regime nicht abstreiten. Aber nachdem Furtwängler nun als entnazifiziert galt, wäre es wohl unklug gewesen, seine Reputation als Musiker nicht zu nutzen. Zwei Jahre nach Kriegsende durfte er also wieder dirigieren, zunächst als Gast, 1952 wird Furtwängler zum Chef-Dirigent auf Lebenszeit berufen.
[Hörbeispiel: Beethoven, 5. Sinfonie]
Einer der berühmtesten Anfänge der Musikgeschichte – und doch wackelt der Hörnereinsatz, schon erstaunlich bei einem Orchester vom Format der Berliner Philharmoniker! Aber, das gibt es bei diesen Konzertmitschnitten: Immer wieder einmal hört man kleinere Unsauberkeiten. Ob es an Furtwängler gelegen hat? Die Maßstäbe waren damals sicherlich noch andere und die heute übliche unbedingte Perfektion war noch nicht gefordert. Die Patzer werden dem Mythos kein Kratzer zufügen, denn das, was den Ruf Furtwänglers begründet hat, das ist auch hier zu hören: sehr intensives Musizieren, die Interpretation der großen Werke von Weber, Schubert, Wagner, Bruckner und Brahms mit sehr genau gestalteten Melodien, mit dem Blick für die Architektur der Stücke. Und mit für heutige Ohren erstaunlich elastischem Tempo, mit dem Furtwängler immer wieder enorme Steigerungen anschiebt.
[Hörbeispiel: Brahms, 3. Sinfonie]
Ein Ausschnitt aus der 3. Sinfonie von Johannes Brahms, am 18. Dezember 1949 spielten die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Wilhelm Furtwängler im Titania-Palast. Natürlich kann die Aufnahme ihre fast 60 Jahre nicht verleugnen, die heutigen technischen Möglichkeiten aber lassen es zu, dass nicht nur das Rauschen unterdrückt, sondern auch Tonschwankungen oder übermäßig laute Huster ausgeglichen werden können. Die Tonmeister von „audite“ haben dabei ein gutes Ohr bewiesen und den Klang der Originale nicht unnötig verfälscht. Wirklich alt wirken heute Furtwänglers sehr romantische Händel- und Bach-Interpretationen, zeitlos dagegen sind seine Deutungen etwa der „Unvollendeten“ von Schubert oder der 8. Sinfonie von Bruckner.
Insgesamt bietet diese 12-CD-Box einen sehr interessanten Einblick in das Spätwerk Furtwänglers, auch weil man ihn hier mit Werken hört, die man nicht sofort mit ihm verbindet: etwa das Violinkonzert von Wolfgang Fortner oder die „Concertante Musik“ von Boris Blacher, zwei Komponisten, die – wie Furtwängler – Deutschland nicht verlassen hatten. Auch Musik von Paul Hindemith hat Furtwängler aufs Programm gesetzt, für ihn hatte er sich ja schon 1934 eingesetzt und damit gegen die Nazi-Kulturideologie gestellt. Doch diese problematische Zeit bleibt, abgesehen von einem guten Artikel im CD-Beiheft, in der Edition weitgehend ausgeblendet. Und da bietet leider auch die Bonus-CD mit einem Gespräch, das Furtwängler 1951 mit Musikstudenten geführt hat, nichts Neues: es bleibt bei musikimmanenten Fragen.
Eines aber kann Furtwängler auf jeden Fall auch für sich in Anspruch nehmen: Furtwängler: „Das Dirigieren muss ja auch eine Kunst sein.“
[Hörbeispiel: Hindemith, Konzert für Orchester]
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