Wilhelm Furtwängler (1886-1954) war wohl der bedeutendste Dirigent der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er verstand die Aufführung eines Werks als regelrechte Neuschöpfung; der Hörer sollte das Stück so wahrnehmen, als würde es eben in diesem Augenblick entstehen.
1922 übernahm Furtwängler die Leitung der Berliner Philharmoniker, die er zum Weltspitzenorchester aufbaute. Die Nationalsozialisten nahmen den bekannten Dirigenten gern als kulturelles Aushängeschild in Anspruch. Er selbst betrachtete sich als apolitischen Künstler, kam aber den neuen Machthabern 1933 insofern entgegen, als er sich zum Vizepräsidenten der Reichsmusikkammer ernennen ließ. Ein Jahr später aber trat er bereits zurück.
Nach Kriegsende zogen sich die Untersuchungen zu seiner Entnazifizierung hin. Erst am 25 Mai 1947 stand Furtwängler wieder als Dirigent auf dem Podium. Ein Mitschnitt dieses Konzerts, das im Berliner Titania Palast stattfand, steht am Beginn der neuen Edition. Der Rundfunk im amerikanischen Sektor zeichnete in der Nachkriegszeit viele Konzerte der Berliner Philharmoniker auf. Erstmals wurden nun alle zwölf von Furtwängler geleiteten Konzertabende, die der RIAS über einen Zeitraum von sieben Jahren mitschnitt, in einer Edition vereint. Grundlage waren die Originalbänder aus dem RIAS-Archiv, die mit einer Bandgeschwindigkeit von 76 Zentimeter pro Sekunde eine erstaunliche Qualität liefern.
Es handelt sich um Dokumente historischen Rangs, stellen doch die Aufzeichnungen den Kern von Furtwänglers Dirigier-Spätwerk dar. Beethoven, Brahms und Bruckner bildeten stets das Zentrum von Furtwänglers Repertoire. Aber auch Bach und Händel, Schubert oder Wagner standen auf den Programmzetteln. Die Edition bietet die Möglichkeit zum Vergleich, führte doch Furtwängler einige Werke im Laufe der Zeit zweifach auf. Erhellend ist überdies die Bonus-Aufnahme eines Gesprächs Furtwänglers mit Musikstudenten über die Kunst der Interpretation.
Fazit: Furtwänglers Nachkriegs-Nachlass aus dam RIAS-Archiv kommt ohne Knistern und Rauschen daher. Das Charisma des großen Dirigenten bleibt bei diesen liebevoll bearbeiteten Aufnahmen erhalten.