Vorliegender Einspielung liegt folgender Gedanke zugrunde: Im gleichen Maße wie die norddeutsche Orgelmusik des 17. Jahrhunderts von rhetorischen Prinzipien abhängig ist, geht sie eine Synthese ein mit Elementen der von höfischen Tänzen inspirierten Ensemble-Musik. Somit sind Dietrich Buxtehude, sein Schüler Nicolaus Bruhns und auch Vincent Lübeck als hervorragende Vollender des "Stylus phantasticus" in dieser Aufnahme ebenso vertreten wie der junge J.S. Bach, der in seiner selten zu hörenden Toccata E-Dur noch sehr stark von diesem Stil beeinflußt war. Dem gegenübergestellt sind – wie erwähnt – Kompositionen, die für den typisch deutschen Tanz des 16./17. Jahrhunderts stehen: von Samuel Scheidt die Tanzvariationen über das niederländische Liedchen "Ach, du feiner Reiter" und von Michael Praetorius sechs Tänze aus der bekannten Sammlung "Terpsichore" (1612), die für die Einspielung, der damals üblichen Intabulierungspraxis (Musik für mehrere Instrumente wird auf ein Tasteninstrument übertragen, in Tabulatur gesetzt) gemäß, eingerichtet, durchaus einmal eine Neuigkeit im ansonsten allzu abgegrasten Repertoire darstellen; zumal M. Praetorius dieses Vorhaben legitimiert, wenn er im Vorwort o.g. Sammlung schreibt: "Ob es nun zwar denen / die es ungewohnet und ungeübt seyn / etwas frembd und schwehr fürkompt / so gibt es jedoch auff Orgeln und allen andern Instrumenten einen frischern und fast anmütigern Resonants."
Man kann diese CD von Martin Sander durch und durch als gelungen bezeichnen, ist es doch heutzutage wirklich zu einem schier unmöglichen Unterfangen geworden, auf dem übersättigten Markt von Orgeleinspielungen jeglicher Couleur eigene Akzente zu setzen. Sander, der mit einigen namhaften Preisen aufwarten kann, versteht es gut, diese spannende Musik mit einem sehr geeigneten Instrument zum Klingen zu bringen. Die von Andreas Schweimb und Johann J. John 1696 bzw. 1707 erbaute Orgel der ehem. Klosterkirche St. Abdon und Sennen in Ringelheim stellt sicherlich ein großartiges Denkmal der Orgelbaukunst um 1700 dar.
Alles in allem also eine hervorragende Produktion, der man überdies einen gewissen Repertoirewert ausstellen kann. |