Markus Zimmermann (Bayerischer Rundfunk - 29.06.1996) 29.06.1996
Die uns heute allzu selbstverständliche Trennung von weltlicher und giestlicher, tänzerischer und akademischer Musik kannten Musiker früherer Jahrhunderte nicht in diesem Maß. Neben den Kompositionen für Studienzwecke und Liturgie war es durchaus üblich, daß sich Komponisten auch mit modischer Unterhaltungsmusik ihrer Zeit aktiv auseinandersetzten; in vielen Sammelhandschriften des 16. oder 17. Jahrhunderts folgen unmittelbar auf Kirchenliedsätze fetzige Tanzstücke oder Gesänge, deren Inhalt alles andere als sakral ist. Es ist daher logisch, daß Elemente etwa der höfischen Musikpraxis in die Liturgische Musik übernommen wurden.
Dieses Miteinander festlicher Musik zu unterschiedlichen Anlässen greift Martin Sander in seiner geistreich zusammengestellten Neueinspielung unter dem Titel Tanz & Toccata auf, indem er einer Reihe nord- und mitteldeutscher Orgeltokkaten Tanzsätze und Liedvariationen gegenüberstellt. Die festliche Eingangsmusik [Anm.: Tonbeispiel bei der Rundfunk-Ausstrahlung] sowie die nachfolgenden Sätze sind der 1612 von Michael Praetorius veröffentlichten Sammlung Terpsichore entnommen: "Darinnen Allerley Frantzösische Däntze und Lieder (...) Wie dieselbige von den Frantzösischen Dantzmeistern in Frankreich gespielet / unnd vor Fürstlichen Taffeln / auch sonsten in Convivijs zur recreation und ergötzung gantz wohl gebraucht werden können". Die Orgelbearbeitung der von Praetorius ohne feste Besetzungsangabe skizzierten Stücke wurde durch eine Interpretation des russischen Organisten Juri Krjatschko angeregt. Sie folgt der ebenfalls seit der Renaissance gängigen Praxis, Ensemblekompositionen auf Tasteninstrumente zu übertragen.
In wohltuender Balance aus Dramatik und Gelassenheit präsentiert Martin Sander nicht nur höchste Orgelkunst in selten anregender Interpretation, sondern auch Farbenreichtum und Klangfülle einer norddeutschen Barockorgel. Das Instrument in der Klosterkirche Salzgitter-Ringelheim entstand in mehreren Bauabschnitten um 1700; einige Irrtümer im Zusammenhang mit Umbauten konnten in den letzten Jahren rückgängig gemacht werden. Der bis heute beeindruckende reine Klang wurde schon 1738 gerühmt, insbesondere die "vortrefflich angerichtete" Vox humana. Solche Zungenregister eignen sich besonders für die Wiedergabe der Praetorius-Tänze. Die Einbeziehung dieses nicht nur durch seine Musik, sondern vor allem durch sein enzyklopädisches Schaffen bekannten Komponisten ist auch deshalb besonders passend, weil sich Michael Praetorius öfters in Ringelheim aufgehalten haben soll.