Das markante Timbre ist unverkennbar, aber einige Raritäten hört man zum ersten Mal mit Elisabeth Schwarzkopf. Denn außer Liedern von Hugo Wolf und Richard Strauss, die sie in früheren Jahren schon mehrfach mit anderen Begleitern gesungen hatte, findet sich auf der jetzt bei Audite erschienenen CD auch Barock-Liedkunst von Henry Purcell, Thomas Arne und Roger Quilter.
Natürlich entsprechen diese, dem damaligen Zeitgeschmack verpflichteten Interpretationen nicht den Ansprüchen der heutigen Originalklang-Bewegung, aber die sich in diesen Miniaturen offenbarende hohe musikalische Gestaltungskunst ist bis heute unübertroffen. Sie zeigt sich in der ausdrucksstarken Textdeutung sowie in der von jüngeren Generationen kaum noch beherrschten hohen Kunst des legato-Singens und in einer erstklassigen Kopfstimmtechnik dank der Schwarzkopfs Kehle im Spitzenregister wunderbar schwebende, zarte Töne entströmten. Auch fehlte es nicht an dramatischer Emphase an den entsprechenden Stellen dieser ernsten Musik und Quilters Melos-gesättigtes beliebtes Zugabenstück „Drink to me only with thine eyes“ meisterte die Sopranistin mit dem ihr eigenen Charme.
Die Studioaufnahmen aus dem ehemaligen RIAS Berlin sind in jeder Hinsicht eine kostbare Entdeckung. Immerhin sind sie das einzige Dokument der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Elisabeth Schwarzkopf und Michael Raucheisen, die Anfang der 1940er Jahre in Berlin begonnen hatte. In den Jahren zwischen den ersten gemeinsamen Liederabenden Anfang der 1940er Jahre und den jetzt der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Aufnahmen aus dem Jahr 1958 gab es allerdings keine gemeinsamen Konzerte oder Aufnahmen der beiden Ausnahme-Künstler. Denn vor und nach 1958 kehrte Schwarzkopf bis zu ihrem Abschiedsabend 1978 nicht mehr in die deutsche Metropole zurück, in der sie sich stimmlich ausbilden ließ und 1938 am städtischen Opernhaus als Blumenmädchen in Wagners „Parsifal“ debütiert hatte. Als die beiden Perfektionisten sich 1958 wieder trafen, hatte Elisabeth Schwarzkopf Erfahrungen mit anderen erstklassigen Pianisten sammeln können, zu denen neben Gerald Moore etwa auch die Pianisten Walter Gieseking, Edwin Fischer und Dinu Lipatti zählten. Folglich offenbaren die RIAS-Liedaufnahmen einen spürbar gereiften Stil. Die Stimme steht in voller Blüte, spricht in allen Lagen gleichermaßen gut an und strömt mit Leichtigkeit.
Die Interpretation von Wolfs Goethe-Lied „Kennst du das Land“, eines von Schwarzkopfs Paradestücken, ist in der zwei Jahre jüngeren Aufnahme mit Gerald Moore absolut ebenbürtig. Beide Einspielungen sind auf die Sekunde 6:55 lang, was auch zeigt, dass Schwarzkopf intuitiv ein Gefühl für das richtige Tempo besaß. Hier wie da ist es vor allem das geheimnisvolle Changieren mit Farben, das die Darbietungen so herausragend macht. Wer nach Unterschieden sucht, der wird einen solchen am auffälligsten im letzten Vers finden. In der Aufnahme mit Raucheisen deutet Schwarzkopf das „ O Vater, lass uns ziehn!“ noch eine Nuance sanfter. Hier ein unmittelbarer Vergleich der beiden Aufnahmen, zuerst die ältere mit Gerald Moore: [Musik]
„Kinder, wenn ihr bei Strauss keine Farben singt, ist der ganze Strauss im Eimer!“, pflegte Schwarzkopf auf Meisterklassen ihren Schülern zu sagen. Welche Raffinesse sie selbst dabei an den Tag legte, verschiedene atmosphärische Stimmungen aufscheinen zu lassen, wiederum gestützt durch betörend schöne Kopftöne, das vermittelt sich auch in den drei ausgewählten Strauß-Liedern der RIAS-Aufnahmen.
Dem musikalisch hohen Anspruch entspricht auch die technische Qualität. Einziges Manko dieser Edition sind fehlende deutsche Übersetzungen zu Purcells, Arnes und Quilters englischen Liedtexten sowie zu den zwei italienischen Schubert-Liedern „Vedi quanto adoro“ und „Misero pargoletto“ im Booklet. Alles in allem aber eine repräsentative Ausgabe, die gleichermaßen den Schwarzkopf-Kenner anspricht, der schon viele Aufnahmen von ihr besitzt, aber auch all jene, die die geniale Mozart-, Strauss- und Wolf-Interpretin erst noch entdecken wollen.
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