Noch nicht ganz verklungen sind die Einspielungen des Liszt-Jahres. So gibt es auch Nachzügler, die noch in den letzten zwei bis drei Monaten des vergangenen Jahres veröffentlicht wurden. Doch nach und nach erobern auch wieder spannende Aufnahmen aus den Archiven die Angebotspaletten der historischen Aufnahmen. So haben wir wieder eine Auswahl zusammengestellt, die noch heute aktive Pianisten mit ihren frühen Aufnahmen wie Maurizio Pollini denen, die fast vergessen sind, wie Eileen Joyce und Julian von Károlyi, gegenüberstellt.
[…] Einem fast vergessenen Pianisten begegnen wir auf der folgenden Silberscheibe: dem 1914 bei Budapest geborenen Ungarn Julian von Károlyi (gestorben 1993 in München). Nun, warum Julian von Károlyi vergessen wurde, nachdem er in den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts große Erfolge gefeiert hat, liegt wohl in seiner Person und seinem Spiel begründet. Denn Károlyi schien es sich als Exzentriker zur Aufgabe gemacht zu haben, bekannte Werke der Weltliteratur mit eigenwilligen und nicht immer überzeugenden Interpretationen zu bedenken. In dieser Konzerteinspielung von 1950 unter dem ebenfalls fast vergessenen grandiosen Dirigenten Leo Blech beweist er allerdings genau in dieser Sichtweise Größe. So wie Károlyi die Lyrik und die Brillanz des 2. Klavierkonzerts von Chopin dazustellen versteht, beweist, dass er dieses Werk vollends durchdrungen hat. Auch wenn er mit ungewöhnlicher Phrasierung aufwartet, sollte man diese doch nicht zwingend als exzentrisch oder eigenwillig bezeichnen. Vielmehr versachlicht Károlyi den Part des Pianisten, ja geht mit Rubati eher sorgsam um, vermag aber mit fast pedallosem Spiel eine Klarheit zu demonstrieren, die mit seiner famosen Technik zu begründen ist. Zudem vermag er einen Dialog mit dem Orchester einzugehen, wie man ihn selten hört – ohne dabei seine Vorrangstellung als Solist einzubüßen. Der 2. Satz ist bei ihm zum dramatischen Höhepunkt stilisiert, indem er die Dramatik etwas überhöht, dafür aber Transparenz und ein wenig Abgeklärtheit vorherrschen lässt. In jedem Fall eine spannende Aufnahme eines Pianisten, den man sich wieder stärker ins Gedächtnis rufen müsste.
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