Über den Grad der Bedeutung von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) für die Musik des 20. Jahrhunderts zu reflektieren, wie es noch heute gelegentlich geschieht, ist ein müßiges Unternehmen. Denn längst gehört der Russe, dessen Leben und Schaffen sich im Schatten einer tragischen historisch-politischen Epoche seines Vaterlandes vollzog, zu den ganz großen Gestalten in der modernen Musikgeschichte. Dabei bleibt unbestritten, dass die Implikation des Politischen, sei sie direkt oder indirekt, aus Schostakowitschs Werk nicht wegzudenken ist. Das gilt auch für seine 15 Streichquartette, die einmal als „Rückzug ins Private“, dann wieder als „Ausdruck des Universellen“ interpretiert werden. Diese irritierende, nahezu Schostakowitschs gesamtes kompositorisches Schaffen durchziehende „Doppeldeutigkeit“ hat letztlich nur eine banale, aber für seine physische wie künstlerische Existenz entscheidende Ursache: Sie liegt in den politisch und gesellschaftlich extrem repressiven Umständen der Zeit, in der er lebte und wirkte.
Erst relativ spät, nämlich 1938 und in einer für ihn bedrückenden psychischen Situation – er sah sich wegen seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ und des angeblichen „Formalismus“ in seiner Musik heftigen, sein Leben gefährdenden Angriffen durch den hochrangigen stalinistischen Kulturfunktionär Andrei Schdanow ausgesetzt – hatte Schostakowitsch mit dem Komponieren von Streichquartetten begonnen. Und so wie dieser Ausgangspunkt für sein Streichquartett Nr. 1 kein „neutraler“ im herkömmlichen Verständnis des Wortes, sondern ein eminent politischer als Reaktion auf den stalinistischen Terror war, verhält es sich mehr oder minder erkennbar auch im Fall aller folgenden Streichquartette, deren letztes 1974 ein Jahr vor seinem Tod entstand. Insgesamt bildet der Zyklus von Schostakowitschs 15 Streichquartetten zwar durchaus eine Art „Tagebuch der inneren Entwicklung“, wie die Musikwissenschaftlerin Sigrid Neef urteilt, aber diese „Entwicklung“ vollzog sich eben nicht innerhalb eines „privaten Spektrums“, sondern vor dem Hintergrund sehr massiv durchgeführten Staatsterrors. Um nur ein Beispiel zu nennen: Das 4. Streichquartett, das Schostakowitsch zwischen Mai und Dezember 1949 schrieb, ließ er aus guten Gründen in der Schublade. Erst am 3. Dezember 1953, neun Monate nach Stalins Tod, fand in Moskau die öffentliche Uraufführung durch das Beethoven-Quartett statt. So gilt auch für die nach dem Ende des Stalinismus entstandenen Streichquartette Schostakowitschs, dass sie stets unter dem Aspekt der jeweils in der Sowjetunion herrschenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse rezipiert werden müssen, wenn man die Dimension ihres künstlerischen Gehalts erfassen will: Anklage gegen die Isolation des Einzelnen im unmenschlichen System lautet Schostakowitschs unüberhörbare Botschaft.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte sind Schostakowitschs Streichquartette mehrfach von prominenten Ensembles zu Teilen in Konzerten aufgeführt und auch komplett auf Tonträger eingespielt worden, beispielsweise Ende der 80er-, Anfang der 90er-Jahre vom renommierten Brodsky-Quartett und 2005 vom Rasumowsky-Quartett. Das momentane „Nonplusultra“ der Gesamteinspielungen stellt das Label audite mit dem Mandelring-Quartett auf fünf SACDs vor. Es hat eine gute Weile gedauert – immerhin von 2006 bis 2009 – ehe das Projekt abgeschlossen war. Aber der Zeitaufwand hat sich zweifellos gelohnt. Sowohl künstlerisch wie aufnahmetechnisch dürfte diese Einspielung für lange Zeit qualitätsbestimmend und damit maßstabsetzend sein.
Mit der endlich auch im Westen beginnenden Entdeckung der großartigen Musik eines Zeitgenossen und Freundes von Dmitri Schostakowitsch, Mieczyslaw Weinberg [1919-19961, ist ein weiterer großer Schritt auf dem Weg zu einer umfassenden Rezeption des musikalischen Schaffens in Russland während der Sowjetzeit getan. Ähnlich wie bei Schostakowitsch besteht Weinbergs Werkverzeichnis in erster Linie aus einer Vielzahl von Orchesterkompositionen, darunter 22 Sinfonien, aus Kammermusik und vor allem Balletten und Opern, Zur Gattung Filmmusik trug Weinberg allein 60 Kompositionen bei, was ihn ebenfalls mit Schostakowitsch verbindet.
Weinberg wurde in Warschau geboren. studierte hier Klavier, bevor er 1939 vor den Deutschen in die Sowjetunion floh. Seine Familie, die in Polen zurückblieb, fiel dort den nationalsozialistischen Morden an den Juden zum Opfer. In Minsk gelang es Weinberg, in die Kompositionsklasse von Wassili Solotarjow, einem der vielen Schüler von Rimski-Korsakow. aufgenommen zu werden. Nach dem Überfall der Nazis auf die UdSSR wandte sich Weinberg nach Taschkent in Usbekistan. Schostakowitsch hatte inzwischen die Partitur seiner ersten Sinfonie gelesen, die ihn sehr beeindruckt haben musste, denn er lud Weinberg nach Moskau ein, wo dieser von 1943 bis zu seinem Tod 1996 lebte. „Beide Komponisten arbeiteten mit den verschiedensten Gattungen und einer großen stilistischen Bandbreite, die von volksmusikalischen [insonderheit bei Weinberg auch jüdischen] Elementen bis hin zur Zwölftönigkeit reichte.“ [David Fanning] Und Schostakowitsch ließ keine Gelegenheit vorübergehen, um Freunden und Kollegen Weinbergs Musik ans Herz zu legen. Doch ungeachtet ihrer engen persönlichen und künstlerischen Beziehung bewahrte sich Weinberg eine größtmögliche Unabhängigkeit – nicht zuletzt auch gegenüber anderen sowjetischen Musikschaffenden: So distanzierte er sich während der Sowjetzeit vom offiziellen akademischen Konservatismus in gleichem Maße wie von der Begeisterung derjüngeren Generation für die früher verbotenen westlichen Modernismen.
Mit Macht tritt Mieczystaw Weinberg, der seit geraumer Zeit vor allem in England mit ihm gewidmeten Festivals und Opern-Inszenierungen lebhaft rezipiert wird, nun auch im deutschen Sprachraum auf den Plan. Schon 2007 hat das Osnabrücker Label cpo damit begonnen, seine Streichquartette, 26 an der Zahl. auf CD zu bannen. Eingespielt vom hochkarätigen Quatuor Danel, einem 1991 in Brüssel gegründeten Ensemble, liegen bislang drei Alben mit den Quartetten Nr. 4 und Nr. 16 [Vol. 1], Nr. 7. Nr. 11 und Nr. 13 [Vol. 2], Nr. 6. Nr. 8 und Nr.15 [Vol. 3] vor. Die Veröffentlichungen der noch ausstehenden Quartette sollen sukzessive und in kürzeren Abständen erfolgen. Auch plant cpo die Herausgabe von drei Weinberg-Kammermusik-Alben, an denen jeweils die Pianistin Elisaveta Blumina beteiligt ist. Weitere Weinberg-Projekte befinden sich bei cpo in Vorbereitung. Ein herausragendes Ereignis im Zuge der Entdeckung Weinbergs kündigt sich mit dem Weinberg-Schwerpunkt anlässlich der Bregenzer Festspiele im Sommer 2010 an: drei Orchesterkonzerte, Kammermusikkonzerte des Quatuor Danel, Inszenierungen der Opern „Das Porträt“ und „Die Passagierin“ (in deutscher Sprache), ein Symposion sowie eine Ausstellung werden Mieczyslaw Weinberg repräsentativ ins Blickfeld rücken. Dass Weinbergs Werk inzwischen von Experten mit dem Œuvre Schostakowitschs und Prokofjews in einem Atemzug genannt wird, weckt hohe Erwartungen.
|